Mein Foto-Unwort des Jahres: Freistellung

Wenn man regelmäßig in Foto-Foren mitliest, wo es hauptsächlich um Technik geht, dann kann man fast jeden Tag über folgendes Fragespielchen stolpern:

„Ich möchte mir das Objektiv XY mit Blende 4 (bzw. 2.8 bzw. 1.8) kaufen, weiß aber nicht, ob mir die Freistellung ausreicht. Wäre hier Blende 2.8 (bzw. 2.0 bzw. 1.4) nicht besser?“

Als Antwort kommt dann als erstes, dass Freistellung ja nur mit einer Vollformatkamera (a.k.a Kamera mit Kleinbildsensor) richtig geht und eine größere Blendenöffnung immer besser ist. Natürlich. Leider wird hier nie die Sinnfrage gestellt, warum man denn einen immer kleineren Schärfebereich haben möchte.

Dieses Bild hier habe ich mit einem Standard 85mm Objektiv bei Blende 4 an einer Vollformatkamera aufgenommen. Das Hauptmotiv ist richtig scharf und der Hintergrund ist so unscharf, dass der Blick aufs Hauptmotiv gelenkt wird. Auf der anderen Seite ist der Hintergrund aber noch nicht so unscharf, dass der Kontext verloren geht, wo das ganze stattfindet.

IMG_3325_Snapseed

Mit dem Objektiv könnte ich statt 4.0 auch Blende 1.8 einstellen und den Hintergrund in eine undifferenzierbare Masse verwandeln. Mit gefällt das aber so wesentlich besser. Wenn ich einen weißen neutralen Hintergrund wollte, würde ich lieber in ein Fotostudio gehen.

Wenn ich mir auf flickr mal Foto-Gruppen zu sehr lichtstarken und somit teuren Objektiven anschaue (z.B. Leica Noctilux 0.95/50mm für 8500€ oder Canon 1.2/85mm für 2300€) dann bin ich nach zwei Seiten von diesem Effekt schon übersättigt. Das wird leider in vielen Fällen für reine Showzwecke eingesetzt.

Die größte Blendenöffnung beim Objektiv heißt übrigens Lichtstärke. Ursprünglich wurden sehr lichtstarke Objektive nicht für eine größtmöglich Freistellung gebaut und gekauft, sondern für schlecht Lichtverhältnisse. Blende 1.8 setze ich auch ein. Wenn ich die Lichtstärke brauche.

Das schönste ist dann übrigens, wenn die Nutzer mit der hohen Lichstärke und der daraus resultierenden Schärfentiefe nicht mehr zurechtkommen, weil nicht mal mehr das Hauptmotiv richtig scharf wird 🙂

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Eine Antwort zu Mein Foto-Unwort des Jahres: Freistellung

  1. Lars schreibt:

    „Das schönste ist dann übrigens, wenn die Nutzer mit der hohen Lichstärke und der daraus resultierenden Schärfentiefe nicht mehr zurechtkommen, weil nicht mal mehr das Hauptmotiv richtig scharf wird “

    Yo, wenn das eine Auge noch im Schärfebereich liegt, dafür aber das andere Auge und die Nase komplett unscharf sind. Ich mag lichtstarke Objektive, weil sie einen mehr Möglichkeiten bieten, man sollte aber den Effekt nicht missbrauchen. Ähnlich ist es mit der HDR-Fotografie. Nur weil man die Dynamik mehrerer Fotos verwenden kann, heißt noch lange nicht das man es bei jedem Foto auch tun muss. Bei meisten Fotos braucht man es ohnehin nicht. Und es führt nur noch dazu, das der Effekt statt dem Motiv das Foto dominiert, und dass die Betrachter sich am Effekt schnell satt sehen.

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